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Leipzig Science Network

NetzWerkstatt „WissensPlatz“ – Den Wilhelm-Leuschner-Platz im geographisch-künstlerischen Forschungsmodus multiperspektivisch erkunden und (re)imaginieren

Der zentral gelegene Wilhelm-Leuschner-Platz in Leipzig ist Projektionsfläche und Medium vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Stadtgesellschaft. Er bildet ein heterogenes,dynamisches Gefüge aus materiellen Elementen, sozialen Praktiken und symbolischen Deutungen (z.B. ökologische, klimatische und bauliche Bedingungen; Nutzungen und Interaktionen von Menschen; Erinnerungen, Atmosphären, Funktionszuschreibungen), die spezifische Beziehungen ausbilden und sedimentierte Spuren vergangener Zuschreibungen aufgreifen, über- und umschreiben. Verstanden als critical zone (Latour & Weibel 2020) von Begegnungen und Beziehungen unterschiedlichster Elemente (Wilson 2017), richtet sich das Forschungsinteresse darauf, wie diese Konstellationen durch Menschen alltäglich koproduziert werden und wie wir – etwa als Bewohnende Leipzigs – dazu beitragen können, Orte im globalen Wandel nachhaltig bewohnbar und lebenswert ‚für alle‘ zu halten. Dieser fordert neue Analyseperspektiven „visually, spatially, performatively, interactively, etc. –that conceive of this world as made up of entangled lifeforms and fragile processes sustaining life“ (Irrgang 2025), also eine Ergänzung des – lange geforderten, jedoch seltensystematisch umgesetzten – planenden Blicks ‚von oben‘ durch eine situierte, verkörperte, vielperspektivische Sicht „from within“ (Haraway 1988: 595).
Der Wilhelm-Leuschner-Platz wird derzeit im Rahmen stadtentwicklungspolitischer Ziele von einer brachliegenden, jedoch vielfältig genutzten Fläche zu einem nutzungsgemischten Stadtquartier und lebendigen Teil des Leipziger Stadtzentrums entwickelt (Stadt Leipzig o.J.),vorbereitet in Abwägung fachplanerischer und weiterer Perspektiven. 2025 erfolgte der Spatenstich für das Freiheits- und Einheitsdenkmal; 2027 werden der Global Hub der Universität Leipzig und das Leibniz-Institut für Länderkunde bezugsfertig; 2029 folgt voraussichtlich das Naturkundemuseum.
Über fachplanerische Gestaltung hinaus zielt das beantragte Vorhaben darauf, den Ort als Ort im Umbruch, als kritische Zone potenziell widersprüchlicher Beziehungen zu fassen, als viel perspektivisches Koexistenzverhältnis zu (re)imaginieren und erfahrbar zu machen (SachsOlsen & Tödtli 2016). Dies trägt zu einem Prozesswissen bei, das die Vielfalt möglicher und strittiger Ortsperspektiven „mit in den Raum stellt“ (Heindl & Robnik 2024: 17),nachbarschaftlichen Austausch anregt, langfristig öffentlich verstetigt und den Ort so „für alle möglichen [z.B. nachhaltigen und inklusiven] Zukünfte offen“ hält (Sachs Olsen & Tödtli 2016: 191).
Die Erarbeitung folgt einem erprobten, geographisch-künstlerischen Forschungsverfahren(u.a. Bauer & Nöthen 2021), das in drei Schritten (1) Wissens- und Wahrnehmungsweisenversammelt, (2) in Beziehung setzt, (3) nacherlebbar macht. Es integriert wissenschaftliche,künstlerische, planungspraktische und weitere Perspektiven in einem methodischinnovativen, kollaborativen Prozess.
Die drei Verfahrensschritte strukturieren den (teils) audiovisuell dokumentieren, 2x3-stündigen Workshop wie folgt. Neben den Antragstellenden können ca. 10 weitere Personen aus LSN-Mitgliedseinrichtungen teilnehmen.

(1) Ortswissen und Ortswahrnehmung versammeln
o Ortswissen: LSN-Teilnehmende stellen in Lightning Talks disziplinäre Perspektiven auf den Wilhelm-Leuschner-Platz vor und beleuchten somit auf Basis fachlicher Wissensbestände (z.B. historische Daten, räumliche Analysen, planerische Konzepte, künstlerische Praxen, soziologische Einordnungen) Bedeutungsdimensionen des Ortes, damit verbundene Anliegen und Visionen.
o Ortswahrnehmung: Nach einer multisensorischen Wahrnehmungsübung(angeleitet durch eine Expertin aus dem Bereich künstlerisch-choreographischer Praxis) wird der Platz zu Fuß erkundet und sinnlich-ästhetische Wahrnehmungen (z.B. Geräusche, Gerüche, taktile, visuelle Eindrücke, Atmosphäre, emotionale Resonanzen) gesammelt (Erkundungsleitfragen --> (Audio)Notizen, Notation auf (Karten) Folien, vgl. Bauer et al. 2023).

(2) Ort in (neue) Beziehungen setzen
o Die versammelten Perspektiven werden mittels visueller Methodenspielerisch-experimentell in (un)bekannte Relationen gesetzt und reflektiert, welche strittigen Setzungen, Ein- und Ausschlüsse sie mit sich bringen.(3) Ort als Koexistenzverhältnis (re)imaginiereno Es werden Ideen für eine Erzählung entwickelt, die den Ort als unabgeschlossenes, vielperspektivisches Koexistenzverhältnis (re)imaginiert und nacherlebbar ausstellt.
Die beantragte LSN NetzWerkstatt erprobt somit einen methodisch innovativen Forschungsansatz zu vielfältigen Herausforderungen des globalen Wandels mit dem Ziel, ein einrichtungsübergreifendes Verbundprojekt zu konzipieren. Dieses soll zur Sichtbarkeit der Wissenschaftsstadt Leipzig (Stadt Leipzig 2018, A - 15) beitragen, indem es interdisziplinäre Antworten auf zentrale Fragen aktueller internationaler Fachdebatten zur multiperspektivischen, ambiguitätstoleranten Gestaltung sozialräumlicher Zukünfte entwickelt und so wissenschaftliche Exzellenz an einem Ort von zentraler stadtgesellschaftlicher Bedeutung stärkt.